Musik abmischen: von Superhall bis Nuschel-Vocals

Die 5 größten Soundsünden beim Musik abmischen im Homestudio


Digitales Recording hat die Möglichkeiten für Sounds und Recording-Techniken sehr unübersichtlich, beinahe endlos gemacht. Das eröffnet neue Fehlerquellen. Wo früher Kabel und Tapes waren, sind heute Dateien, Plug-ins, Interfaces – und davon meistens nicht zu wenig. Wo es nun hakt, wenn der Mix plötzlich seltsam klingt, ist nicht immer offensichtlich. Wir haben 5 klassische „unsichtbare“ Fehlerquellen für euch zusammengefasst – und Tipps, wie es besser geht.

1. Der Superhall: viele gestapelte Halleffekte auf verschiedenen Spuren

Starten wir direkt mit einem Klassiker: dem Hall, auch Reverb genannt. Ein bisschen Hall auf der Gitarrenspur und der Stimme klingt einfach toll. Und das ist das Problem. Es ist so verführerisch, Halleffekte einzusetzen. Und es ist mit einem Mausklick gemacht. Schon landet der Hall auf mehreren Spuren – bis der ganze Mix am Ende in einem Meer aus Halleffekten untergeht. Besonders tückisch ist dabei, dass viele Musiker immer nur einzelne Spuren abhören. Die klingen dann mit Hall gut, ihr bringt sie in den Mix ein und macht einen gedanklichen Haken dran. Am Ende zerfasert der Superhall euch den Mix. Also:

Hall ist ein Effekt, kein Soundkonzept!

Und wenn ihr schon gerne Hall nutzt: Nehmt einen Equalizer für eure Halleffekte. Mischt jeden Hall jeweils einzeln ab. Der Mix klingt dann aufgeräumter. Das gilt übrigens für alle Effekte und Effekt-Plugins: Denkt daran, dass aus allen euren einzelnen Spuren irgendwann ein gesamter Track werden soll.

Lösung:
Hört immer mal wieder mehrere oder alle Spuren in eurem Mix zusammen ab.


2. Der Nahbesprechungseffekt: Mikrofone zu nah an den Soundquellen

Mikrofone so nah wie möglich an die Soundquelle stellen – sieht richtig aus, oder? Der Gedanke ist dann meist: Je näher das Mic an der Soundquelle ist, desto weniger Störgeräusche werden eingestreut. Leider löst das oft den Nahbesprechungseffekt aus. Das Ergebnis: Die Spur dröhnt, ohne Möglichkeit, das Dröhnen nachträglich zu entfernen.

Lösung:
Ein Großmembran-Kondensatormikrofon mit einem gesunden Abstand zur Soundquelle für einen ausgewogeneren Sound.

 
Was ist der Nahbesprechungseffekt?

Den Nahbesprechungseffekt nennt man auch Proximity Effect oder Nah(heits)effekt. Er tritt auf, wenn das Mikrofon im sogenannten Nahfeld einer Soundquelle steht und den Sound aufnimmt. So kommt der Effekt zustande:

Das Nahfeld einer Soundquelle hat die Größe einer Wellenlänge um die Soundquelle herum. Steht ein Mikrofon im Nahfeld einer Soundquelle, überbetont das Mikrofon diese Frequenzen. Tiefe Töne haben längere Wellenlängen als hohe Töne. Das bedeutet: Das Nahfeld eines tiefen Tones ist größer als das eines hohen Tones (weil die Wellenlänge länger ist). Ein Mikrofon steht also viel eher im Nahfeld der Bassfrequenzen.

Mit diesem Wissen könnt ihr natürlich auch bewusst mit dem Nahbesprechungseffekt spielen. Oft ist der Nahbesprechungseffekt aber unerwünscht.

3. Clipping: zu viel Lautstärke

Die erfahrenen Leser erinnern sich vielleicht an den Ausdruck „printing hot“: Zu Zeiten analoger Aufnahmegeräte haben Musiker gerne sehr laut („heiß“) eingespielt („gedruckt“). Unter anderem, um so deutlich wie möglich über dem Eigenrauschen der Audiotechnik zu spielen. Das „printing hot“ wurde in die digitale Aufnahmetechnik übernommen, weil Musiker so den mutmaßlichen Qualitätsverlust digitaler Systeme mindern wollten. Das ist heute nicht nur unnötig, sondern kann ein echtes Problem sein. Denn eine digitale Aufzeichnung verträgt nur einen begrenzten maximalen Lautstärkepegel. Überschreitet der Pegel eine bestimmte Grenze, übersteuert das Signal sehr plötzlich. Dieses „Clipping“ kriegt ihr später in der DAW nicht mehr raus gemischt. Einen zu hohen Gesamtpegel erreicht ihr schnell durch mehrere laute Spuren, Effekte (ungepegelte Halleffekte!) und Plug-ins. Das Clipping ist später auf komprimierten Formaten wie mp3 deutlich zu hören.

Heute ist die Lautstärke nachträglich erhöhbar und digitale Aufnahmetools haben kaum Grundrauschen.

Und die Lautstärke ist eben nur nach oben gut nachträglich regelbar. Eine Spur in der Produktion wieder leiser zu machen, ist viel problematischer, weil so Frequenzen verloren gehen, die einfach zum Sound gehören. Das Clipping verschwindet dadurch nachträglich auch nicht, sondern wird nur leiser.

Lösung:
Nehmt eher so leise wie möglich auf und „tastet“ euch langsam an höhere Gain-Level ran.


4. Synchro- und Phasenprobleme: zu viele Mikrofone

Wie schon der Umgang mit Lautstärke und Effekten zeigt: Viel ist nicht immer gut. Als Faustregel für das Mikrofonieren gilt für die Basics:

Mehr Mikrofone, mehr Probleme.

Stehen mehrere Mikrofone in unterschiedlichem Abstand von einer Soundquelle entfernt, kommt der Schall nicht exakt gleichzeitig an. Schall breitet sich „nur“ mit 350 m/s aus. Das kann hörbar sein. Viele Mikrofone führen außerdem oft zu Phasenproblemen. Ohne in physikalische Details zu gehen: Frequenzen löschen sich gegenseitig aus, wenn verschiedene Wellenlängen auf verschiedene Mikrofone treffen.

Lösung:
Für Homestudios liefert ein gesunder Minimalismus oft bessere Ergebnisse.

 
Less is more?

Aufmerksame Leser bemerken vielleicht: Im Artikel über die ersten Soundaufnahmen im Home Studio schreiben wir etwas anderes – und zwar bezogen aufs Abnehmen des Schlagzeugs. Da lohnt es sich, mit vielen Mikros zu arbeiten. Beim Schlagzeug solltet ihr mehrere Mics nutzen und mit den Abständen ein wenig experimentieren. Das liegt einfach an den grundverschiedenen Frequenzen von Becken, Snare und Bassdrum.

5. Nuschel-Vocals: zu wenig Mut zu Mikrofon-Vielfalt

Sänger mit wenig Studio-Erfahrung neigen im Studio zum Nuscheln. Der Grund ist, dass sie den Mund beim Singen nicht genug öffnen. Das fällt in der Probe- und Live-Situation oft nicht so sehr auf. Aber die außergewöhnliche Situation im Studio verstärkt diese Tendenz. Im Studio ist jeder Musiker „nackt“, also ohne begleitende Instrumente. Der Toningenieur hört und schaut zu.

Dagegen hilft: den Text überdeutlich einsingen. Ganz bewusst jeden Buchstaben vollständig mitsingen und den Mund dabei mehr öffnen als gewohnt. Das mutet ungewohnt an, bessert die Vocals aber oft merklich.
Das wiederum nehmen je nach Stimme unterschiedliche Mikros unterschiedlich gut auf. Kondensatormikrofone hören zum Beispiel sehr genau hin. Viele Musiker schwören im eigenen Homestudio auf Kondensatormikrofone, weil sie mal gehört haben, das seien „die“ Studio-Mics. Aber das ist stark vereinfacht.

Lösung:
Mit der bewussten Anti-Nuschel-Methode funktionieren dynamische Mikrofone manchmal besser – probiert es aus.

Fotos ©The Bland, Christoph Eisenmenger