Mischpult: digital oder analog?

Dürfen Mischpulte digital sein? Sind Audiosignale heute besser aus Nullen und Einsen – oder bleiben analoge Fader das einzig Wahre?


Digital und analog: Das bedeutet Touchscreen vs. Tasten, Preset-Datei vs. Industrieklebeband. Gibt es überhaupt noch rationale Argumente für analoge Technik? Wir haben mit dem Sänger und Gitarristen Nils Wittrock von The Hirsch Effekt und dem Tontechniker Janosch Held über Placeboeffekte und Misch-Gefühle gesprochen.

Mischpulte: digital ist bequem und kosteneffizient

Auch Digital-Kritiker müssen zugeben: Den aktuellen Mix des Mischpultes einfach abzuspeichern und eine Woche später exakt wieder abrufen zu können, ist bequem. Mit einem digitalen Mischpult ist es auch viel einfacher, ein Konzert spontan aufzunehmen und zu Hause noch mal reinzuhören. Für Mischpulte, die auf digitaler Technik basieren, spricht auch der Funktionsumfang. Bei recht kleinem Budget bringen Digitalmischpulte Funktionen wie Noise Gates, grundlegende Effekte, USB-Ports, Tablet-Fernsteuerung und DCA-Gruppen mit.

Trotzdem lösen Digitalmischpulte noch immer Skepsis aus. Ein gängiges Vorurteil: Ein digitalisiertes Audiosignal hat weniger Qualität.

Aber echte Qualitätsunterschiede gibt es inzwischen nur noch bei schlechten Analog-Digital-Wandlern, sagt Nils Wittrock von The Hirsch Effekt.

 
Nils Wittrock: „Es ist eher eine Sache der Pragmatik oder der Mentalität, nicht mehr der Qualität."

Dass die Wandlungen von analogen auf digitale Signale bei einem guten AD-Wandler die Soundqualität schmälern – da glaube ich nicht so richtig dran. Hochwertiges digitales Equipment bringt mindestens gleichwertigen Sound wie analoge Technik. Ich habe in Detmold an der Hochschule für Musik studiert, da gibt es auch eine Tonmeister-Ausbildung. Es gab einen Blindversuch: Es wurden Mikrofonsignale sowohl per XLR übertragen als auch mit unterschiedlichen, digital gewandelten Signalwegen.

In keinem(!) Blindversuch wurde das direkte, analoge Signal als das bestklingende Signal empfunden. Und das waren Tonmeister, also Menschen mit guten, trainierten Ohren.

Ich glaube, provokant gesagt, dass die größten Analog-Fans in direkten Vergleichen manchmal eben hören, was sie hören wollen. Oder dass es eine Art Placeboeffekt gibt: Wenn man glaubt, dass die tolle Vollröhre besser klingt, klingt sie in deinen Ohren auch besser. Und dazu kommt gelegentlich dieser Glaube von „teurer muss besser klingen“.


 
Janosch Held: „Es lohnt sich, die eigene Signalkette kritisch zu hinterfragen.“

Realistisch betrachtet können wir sagen: Es gibt sowieso fast keine rein analoge Signalkette mehr. Im Live-Bereich schon gar nicht. Da wird das Signal früher oder später sowieso irgendwo gewandelt. Also wieso nicht so früh wie möglich einen hochwertigen Analog-Digital-Wandler nutzen und das Signal dann auch digital belassen? Es gibt ja zum Beispiel auch perfekte, digital nachmodellierte Röhrenverstärker-Sounds, also Plugins – da kann mir niemand erzählen, dass ein Unterschied zwischen digital und analog hörbar ist. Natürlich gibt es sowohl analoge als auch digitale Mischpulte, die billig hergestellt sind und entsprechend schlecht klingen.

Für Mischpulte mit analoger Technik spricht vor allem die Bedienbarkeit und das Gefühl

Im digitalen Zeitalter gibt es vor allem ein großes Argument für analoge Mischpulte: Das Prinzip „one-knob-per-function“, also „ein-Knopf-pro-Funktion“. Weil das Pult sich in seinen Potis und Tastern niemals verändert, kann der Mischer es irgendwann wortwörtlich blind bedienen. Sich in ein analoges Mischpult einzuarbeiten geht schneller.

Mischer tappen analog nicht in die Falle, sich auf den verschiedenen Funktionsebenen zu verirren, die ein Mischpult mit digitaler Technik bietet.

Für diejenigen, die ihre Einstellungen speichern möchten, gibt es Handykameras oder Klebeband zum Markieren. Liebhaber von analoger Audiotechnik sagen zudem gerne: Wer an einem echten Poti dreht, hat einen anderen Zugang zum Mix. Es sei ein wenig wie der Unterschied zwischen E-Book und echtem Buch: Vieles spricht für elektronische Bücher, allein das Gefühl sei aber ausschlaggebend.

„Ein Poti zu drehen, das ein wenig Widerstand hat und dann sofort die Auswirkung dieser Handbewegung im Mix zu hören – unbezahlbar.“

— Janosch Held, Tontechniker

Janosch Held möchte aber analoge Mischpulte noch aus einem anderen Grund nicht in der Audio-Welt vermissen:

 
Janosch Held: „Allein für das technische Verständnis sollte jeder Mischer einmal mit einem analogen Pult gemischt haben.“

Bei Röhren und bestimmten Kompressoren, da verstehe ich die Liebe zu analoger Technik schon. Das ist wie ein bestimmtes klassisches Automodell zu fahren: Es ist nicht besser, sondern das Gefühl und die Interaktion mit der Technik ist einfach etwas anders – vielleicht schöner in einem sehr subjektiven Sinne. Mit analogen Mischpulten kann man das Mixen manchmal mehr feiern. Aber jetzt kommt das Wichtigste: Analoge Mischpulte sind perfekt für Einsteiger. Ich formuliere es noch deutlicher: Jede und jeder sollte auf einem analogen Mischpult anfangen und lernen, nicht auf einem Digitalpult. Analoge Mischpulte sind sehr logisch aufgebaut. Wenn du einen Kompressor im Kanal haben willst, musst du per Hand einen Stecker an die richtige Stelle stecken. Dann musst du die andere Seite in den Input vom Kompressor stecken. Dann nimmst du den Output vom Kompressor und steckst ihn auf den Return-Weg.

Wenn ich Poti X drehe, passiert Y. Und wenn dieser Stecker nirgendwo drinsteckt, passiert gar nichts. Das ist Audio-Grundbildung, die ich manchmal auch bei Musikern vermisse.

Was ich damit sagen will: Das ist Handwerk. Klar, digital mischen ist auch Handwerk, aber weil analoges Mischen mehr physisches Handwerk ist, lernt ihr damit viel bewusster. Das ist ein wenig wie mein Rat an jeden Autofahrer, mit Kupplung den Führerschein zu machen. Auch wenn man danach nur Automatik fährt. Wer mit Automatikschaltung den Führerschein macht, wird nie völlig verstehen, was „kuppeln“ und Gänge sind. Zudem sind analoge Mischpulte auch ewig reparierbar, lötbar, haltbar. Ein digitales Mischpult funktioniert entweder ganz oder gar nicht. Ich hätte wohl auch nie mit dem Mischen angefangen, wenn damals schon alles digital gewesen wäre. Das wäre mir zu nerdig gewesen.

Der Grund, warum ich nicht glaube, dass analoge Mischpulte aussterben, ist das Preis-Leistungs-Verhältnis von sehr kleinen Varianten. Das ist bei 2- bis 4-Kanal-Mixern fast immer besser.

Diese kleinen Mixer sind für Keyboarder oder Sänger direkt auf der Bühne super praktisch. Also: Analoge Mischpulte müssen bleiben. Zum Lernen, für kleine Mixing-Lösungen und um eine engere Verbindungen zur Technik zu wahren.


Warum Nils Wittrock eine Zeit lang immer ein analoges Mini-Mischpult direkt auf der Bühne hatte, steht in unserem Artikel zum guten Live-Sound.

Fotos © The Bland