Der „gute“ Live-Sound: Warum Musiker und Mischer mehr miteinander sprechen sollten

Was wir tun können, um den Live-Sound zu optimieren


Samstag, 16:38 Uhr in einem Musik-Club der Bremer Innenstadt. Der Kombi vor der Tür ist bis an die Decke beladen mit Verstärkern, Kisten, Krimskrams. Vier Jungs tragen diesen Krimskrams in den Club. Entweder auf die Bühne oder Backstage, also in die kleine Besenkammer „links an der Bühne vorbei, dann rechts, dann durch die schwarze Tür ohne Klinke.“

Nach dem ersten Willkommens-Bier und einer 30-minütigen Suche nach den richtigen Kabeln geht es los: Der Soundcheck. Der Tanz von Band und Mischer um den „richtigen“ Sound. Aber während die Band einen genauen Sound im Kopf hat, möchte der Mischer erstmal einen vernünftigen Grundsound aus der Backline erzeugen. Schließlich kennt er „seinen“ Club genau - anders als die Technik-Setups der Bands.

Wir haben unsere Lieblingsbands und -Mischer gefragt, welche Tipps sie für Live-Sound und Soundcheck geben.

 

Nils Wittrock ist Sänger und Gitarrist der Band The Hirsch Effekt. Mit seinen Jungs macht er seit 2008 eine Mischung aus Metal, Punk, Indie-Rock, Jazz und elektronischer Musik – und stand auf über 200 Bühnen.

 

Tommy Newton ist eine lebende Rock-Legende. Seine ehemalige Band Victory gehört neben den Scorpions und Accept zu den erfolgreichsten deutschen Bands im Bereich Hard Rock. Inzwischen ist er Producer und Live-Mischer.

 

Tammo Reckeweg ist Gitarrist und Sänger der Powerpop-Band LENNA. Mit seiner Band stand er seit 2013 auf unzähligen kleinen Bühnen. 2015 veröffentlichte die Band ihre erste EP.


 
Nils, Sänger und Gitarrist: „Unterscheidet zwischen dem Sound auf und vor der Bühne.“

Das ist der erste Schritt, damit Musiker und Mischer sich besser verstehen: Was ihr auf der Bühne hört, ist etwas vollkommen anderes, als das, was beim Mischpult ankommt. Das bedeutet auch, dass der Mischer nicht erraten kann, was genau ihr auf der Bühne hört.

Auf der Bühne machen wir uns als Musiker oft Gedanken über unser eigenes Instrument. Der Mischer möchte aber vielleicht einen guten Grundsound für das Publikum haben.

 
Tommy, Producer und Mischer: „Versteht, was ein Feedback ist – und wie ihr es verhindert.“

Wenn Musiker auf der Bühne eine Rückkopplung hören, wissen sie damit oft nicht umzugehen. Ich finde, jeder Musiker sollte einmal nachlesen, wie so eine Rückkopplung oder andere Störgeräusche entstehen, auch Brummschleifen in den Geräten. So können wir besser mit den Musikern über Störgeräusche sprechen, wenn sie auftreten. Es gibt aber auch ein paar Tipps:

Zuerst einmal gibt es Mikrofone, die wirklich arm an Rückkopplungen sind. Die Unterschiede sind riesig.

Oldschool und ganz DIY-mäßig geht es aber auch so: Wenn ihr den Monitor über euer Mischpult ansteuert, schaltet einfach zwischen Mischpult und Monitor einen grafischen Equalizer. Je mehr Bänder der Equalizer hat, desto besser, zehn wären schon super. Stellt euer fiependes Mikrofon hin und macht lauter, bis das Feedback kommt. Sucht dann im Equalizer die Frequenz und zieht nur diese Frequenz runter. Dann macht ihr den Gesamtsound lauter. Wenn es wieder rückkoppelt, schaut ihr wieder welche Frequenz verantwortlich ist, und zieht die runter. Irgendwann habt ihr die lauteste Variation. Lauter geht es dann nicht mehr.

Feedbacks sind fast immer eine Sache der Monitore – ob indoor oder outdoor.
 
Nils, Sänger und Gitarrist: „Macht euch Gedanken über den Soundcheck bevor ihr auf der Bühne steht.“

Einzeln Störgeräusche runterregeln und Instrumente einpegeln dauert immer länger als geplant. Deswegen: Überlegt euch vorher (!), welche Parts ihr für den Soundcheck nutzt – am besten noch im Proberaum. Fangt lieber nicht an, das auf der Bühne zu diskutieren – im schlimmsten Fall raubt ihr damit einer anderen Band die Soundcheck-Zeit. Bei welchem Song gibt es einen Part, der für euren Sound beispielhaft ist? An welcher Stelle kommen alle Signale einmal beim Mischer an, damit der weiß, auf was er sich gefasst machen muss? Ein minutenlanges Solo, das der Drummer mit Besen und der Bassist in halben Noten begleitet, ist nicht nützlich für den Soundcheck. Es sollte stattdessen ein Beispiel für euren Sound sein.

 

 
Tommy, Producer und Mischer: „Liebe Mischer-Kollegen, habt Mut weniger Instrumente abzunehmen.“

Stichwort einpegeln: Es muss nicht immer das gesamte Setup abgenommen sein. Das gilt für die Bands genauso wie für den Tontechniker vor Ort. Überlegt ernsthaft, ob ihr das (ganze) Schlagzeug abnehmen müsst.

Mehr ist nicht immer besser, vor allem in kleinen Locations oder bei harten Steinwänden.

In dem Moment, wo ihr euch entscheidet das Schlagzeug abzunehmen, braucht ihr auch viel PA-Leistung. Snare und Bassdrum verzerren, wenn die PA zu wenig Leistung hat. Ihr müsst das Schlagzeug nur abnehmen, wenn der Raum so groß ist, dass das Schlagzeug zu indirekt klingt, wenn ihr es nicht abnehmt.

Für eine drückende Bassdrum mit ordentlichem „Punch“ braucht ihr aktive Bassboxen. Am digitalen Mischpult packt ihr da noch Limiter und Kompressor drauf, dann wirds noch fetter – und ihr könnt lauter drehen, ohne dass ihr die PA an die Wand fahrt. Eine Jazz-Band braucht die Bassdrum vielleicht nicht abnehmen, Rocker schon. Einfach damit die Bassdrum gegen die restlichen E-Instrumente ankommt.

Wenns ganz laut ist, nehmt ihr ein Stereo-Mikrofon-Pärchen als Overhead-Abnahme, das verstärkt auch die Snare gleich mit.

 
Nils, Sänger und Gitarrist: „Der Soundcheck ist weder eine Bandprobe noch euer Pedalboard-Experiment“

Ja, euren Sound müsst ihr manchmal an die Räumlichkeit anpassen. Aber: Auf der Bühne die eigene Gitarre vollständig neu mit einem Equalizer zu mischen, dauert lang und nervt den Tontechniker. Ihr habt gestern im Proberaum noch für euer Space-Rock-Projekt geprobt und den Hall-Effekt auf 5 Sekunden Länge gedreht? Dann markiert euch die Poti-Einstellungen. Mit Klebeband, einem Stift, irgendwie. Auf wie viel muss euer Delay eingestellt sein, wenn ihr live spielt? Wie viel Fuzz, wie viel Distortion braucht ihr im echten Live-Set wirklich? Legt es fest, markiert es. Es geht schnell und der Tontechniker liebt euch.

 
Tommy, Producer und Mischer: „Liebe Bands, ihr seid auf der Bühne zu laut.“

Apropos „Soundcheck als Bandprobe“: Viele Bands spielen im Proberaum viel zu laut und nehmen diese Lautstärke mit auf die Bühne. Als Mischer habe ich dann nur eine Möglichkeit: gegenhalten. Dass es so laut ist, liegt auch daran, dass die Bands ihre Amps immer wie selbstverständlich hinter sich stellen und aufreißen. Das ergibt auf den ersten Blick auch Sinn: Amps aufs Publikum richten. Aber PA heißt ja „Public Adress“, weil sie euch „in den Raum“ bringen soll.

Wenn ihr eine PA habt: Stellt eure Amps an die Seite der Bühne, gerichtet auf euch selbst!

Dann dienen die Amps als Monitor. Wenn die Amps hinten an der Bühnenwand stehen, blasen die auf Knie- oder Hüfthöhe an den Instrumentalisten vorbei, direkt ins Publikum. Das matscht, weil auch die PA ins Publikum pustet, allerdings auf kürzerem Weg. Für uns Mischer ist es mit seitlich gestellten Amps viel einfacher, einen klaren, definierten Sound zu mischen. Vor allem, wenn wir schon vorab einige Informationen in einem Tech Rider von der Band haben.

Gerade bei sehr kleinen Bühnen und Clubs müsst ihr nicht jede einzelne Soundquelle abnehmen.
 
Nils, Sänger und Gitarrist: „Der Tech Rider ist kein Rätselblatt, sondern eine Hilfe für den Tontechniker.“

Ihr schreibt den Tech Rider nicht für euch, sondern für die Tontechniker, die im Jahr ca. 100 Bands abmischen – und die alle mit anderen Instrumenten, Mikrofonen und Synthesizern ankommen. Also abgesehen von einer Zeichnung eures Standard-Bühnenaufbaus, den Instrumenten und wer von euch wo auf der Bühne steht, darf da ruhig mehr drauf. Zum Beispiel:

  • Bilder von euch. Wenn da steht: „Flopsi spielt Gitarre, Kippe spielt Schlagzeug“ hilft das dem Mischer nicht.

  • Welche Soundsignale schickt ihr zum Mischpult? Eine nummerierte Liste am Rand, die Nummern stehen auf dem Bühnenaufbau.

  • Wo auf der Bühne braucht ihr Steckdosen?

  • Ihr nutzt eine Funkstrecke für Line-Signale, um nicht mehr jeden zweiten Song über ein Kabel zu fallen oder Wackelkontakte zu feiern? Dann muss da stehen, welche Frequenzen ihr nutzt. Vor allem in Locations, wo noch anderen Geräte funken.

  • Wenn ihr eigenes Licht nutzt, sollte da stehen, wie viel Strom das Licht zieht. Vor allem dann, wenn ihr auch noch dicke Röhren-Amps auffahrt. Selbst bei mittelgroßen Clubs kann sonst auch mal die Sicherung rausfliegen.

 
Tammo, Sänger und Gitarrist: „Vorausdenken und den Mischer nicht als Entschuldigung nutzen, wenn ihr einen schlechten Tag hattet.“

Schickt den Tech Rider vor dem Konzert an den Mischer. Der Tontechniker vor Ort weiß vorher ja nicht, was ihr wollt. Einen Techrider mitbringen ist schön, ihn vorher schicken ist besser. Ich glaube dieses klassische „Ich hör mich auf der Bühne nicht!“ ist manchmal eine Ausrede, wenn man schlecht gespielt hat. Ja, ich hatte auch schon gruseligen Sound auf der Bühne, aber das sollte euch nur beim ersten oder zweiten Mal verunsichern, dann muss man damit umgehen. Das werdet ihr immer wieder erleben und ihr müsst trotzdem gut spielen. Ihr müsst die Songs eben beherrschen, auch wenn das jetzt doof klingt – ihr improvisiert ja auf der Bühne in der Regel nicht. Wenn ihr euch auf der Bühne regelmäßig schlecht hört, ist der nächste Schritt: In-Ear-Monitoring, das ihr selbst auf der Bühne regulieren könnt.

 
Nils, Sänger und Gitarrist: „Mein Live-Sound-Hack für kleine Bühnen und stressfreie Mischer: Ein autonomer In-Ear-Monitor.“

Wenn ihr auf kleinen Bühnen einen Monitor sparen wollt oder euch live einfach nicht immer gut hört, braucht ihr drei Dinge:

  1. Einen XLR-Splitter

  2. Ein winziges analoges Mischpult

  3. (In-Ear-)Kopfhörer

Splitte dein Gesangs-Signal direkt hinter deinem Mikrofon. Ein Signal geht zum Mischer, ein Signal bleibt bei dir und geht in dein Mini-Mischpult. Das Mischpult bringt deine Stimme durch die In-Ears auf deine Ohren. Das ist quasi eine Form des In-Ear-Monitoring, bei dem ihr mit eurem persönlichen, kleinen Mini-Mischpult auf der Bühne die Lautstärke selbst regeln könnt. Wichtig ist nur, dass die In-Ears den Sound der anderen Instrumente durchlassen.

Das klappt genauso für alle Instrumente, die mit einem Mikrofon abnehmbar sind: Mikro an die Box, ins Mini-Mischpult, auf die Ohren.

Zu guter Letzt: Sprecht miteinander!

Die Tipps unserer Lieblingskünstler helfen euch hoffentlich, Soundchecks und den Live-Sound ein bisschen reibungsloser und besser zu meistern. Das Wichtigste ist aber: Sprecht offen miteinander. Bands sollten sich trauen, technische Dinge nachzufragen, Mischer sollten Sound-Fallen anmerken und Verbesserungsvorschläge machen. So schafft ihr den besten Sound – und damit den besten Abend – für alle.

Fotos © Christoph Eisenmenger, The Hirsch Effekt