Das Wichtigste, was ihr als Musiker über Mikrofone und Richtcharakteristik wissen müsst

Mit so wenig technischem Fachsprech wie möglich


Wir glauben, dass Mikrofone vor allem ihren Zweck gut erfüllen müssen. Und der besteht aus mehr als nur der Übertragung eures Signals. Mikrofone sind die ständigen Begleiter des Musikers. Im Proberaum. Im Studio. Auf Tour. Aber kein Technik-Bereich kommt ohne eine eigene Sprache aus – und in der Tontechnik ist es besonders heftig. Deswegen bringen wir euch hier die Grundlagen näher, übersichtlich und in Klartext.

In diesem Artikel erfährst du die Basics zu folgenden Begriffen:


Die Richtcharakteristik beschreibt, in welche Richtung(en) das Mikro hört

So wie Kameralinsen das Bild aus einer bestimmten Richtung aufnehmen, mal breiter, mal fokussierter, haben auch Mikrofone eine „Hör-Richtung“, die wir „Richtcharakteristik“ nennen. Die gängigen Richtcharakteristiken sind die Nieren- und Supernierencharakteristik sowie die Kugelcharakteristik. Es gibt noch die sogenannte Achtercharakteristik, die Breitniere, die Hyperniere und die Keule, die aber in der Band-Praxis eher selten Anwendung finden.

Nieren- oder Supernieren-Charakteristik: Wenn der Klang von einer Seite kommt

Die Niere oder Superniere ist für die meisten Musiker die wichtigste „Richtcharakteristik“. Denn meistens gibt es genau eine Richtung, aus der unser Sound kommt. Entweder weil wir als Sänger in das Mikrofon frontal reinsingen, oder weil das Mikrofon direkt vor unserer Schallquelle steht.

Ein Mikrofon mit Nierencharakteristik unterdrückt Schall von hinten und „hört“ am stärksten, was genau vor und leicht seitlich von ihm passiert.

Okay, aber wieso bitte sprechen wir hier von Nieren?

Es ist so: Die Form der auf einem Papier in 2-D aufgemalten „Klangcharakteristik“ ähnelt der Form der Niere (1. Grafik). Das Supernieren-Mikrofon treibt das „Ohren spitzen“ des Mikrofons noch eine Stufe weiter: Es bevorzugt noch mehr den Schall, der direkt von vorne kommt. Der Winkel, in dem das Supernieren-Mikrofon Schall aufnimmt, ist also schmaler (2. Grafik) aber rückwärtiger Schall wird weniger stark unterdrückt als bei der Niere (wichtig für die Positionierung von Monitorboxen, Stichwort Feedbackgefahr).

Die Niere und die Superniere sind gut, wenn nur wenige Umgebungsgeräusche in unser Signal sollen. Unpassend hingegen sind Nieren und Supernieren für Anwendungen, in denen die Umgebung eine Rolle für die Aufnahme spielt.

Ein Beispiel, in dem die Umgebung eine wichtige Rolle für die Aufnahme spielt, ist ein Chor oder ein Orchester in einem großen Saal: Hier ist die Akustik des Saals ein Teil des Sounds, der Saal „schwingt“ mit. Hier würde ein Tontechniker also nicht nur mit Supernieren arbeiten, sondern eher den ganzen Saal „mitnehmen“.

 
Nils Wittrock, Sänger und Gitarrist von The Hirsch Effekt: „Ich nutze live Supernieren, weil mein Mikrofon stationär ist.“

Ich nutze zum Singen nur Mikrofone mit Supernieren-Charakter. Ich habe das Mikrofon ja beim Singen nicht in der Hand, sondern spiele Gitarre dazu. Das bedeutet, dass ich immer den gleichen Abstand zwischen mir und dem Mikrofon(-Stativ) einnehmen kann. Diese Richtcharakteristik ist mir wichtig, damit wenig andere Einflüsse abgesehen von meiner Stimme einstreuen. Dazu nehme ich ein sogenanntes „Optogate“. Das sorgt dafür, dass das Mikro ausgeht, wenn ich nicht davor stehe. So habe ich kaum ungewollten Bühnensound über mein Gesangsmikrofon.

Kugel-Charakteristik: Raum-Sound und Quick-and-dirty-Aufnahmen im Proberaum

Die Richtcharakteristik „Kugel“ ist dann gut, wenn viel Sound von allen Seiten kommt. Denn ein Kugel-Mikrofon nimmt den Sound von allen Seiten gleichmäßig auf. Die einfachste Art, ein Demo aufzunehmen, ist: Mikro mit Kugel-Charakteristik in den Proberaum, ins Recording-Interface stecken, losspielen. Mikrofone mit Kugelcharakteristik eignen sich aber auch gut für Orchester, Chöre oder eine Gruppe von Background Vocals.


Dynamisch oder Kondensator?

Die genauen physikalisch-elektrischen Hintergründe hier zu erklären, würde diesen Text unnötig in die Länge ziehen. Ihr lest hier, weil ihr praktische Infos wollt. Könnt ihr haben:

Kondensator-Mikrofone

  • haben in der Regel eine bessere Klangqualität als dynamische Mikrofone

  • arbeiten in einem größeren Frequenzbereich und sind detailgetreuer
  • besitzen höchste Impulstreue. Das bedeutet: Bei schnellen Punches, also einer Snare oder Bassdrum „schmiert“ der Ton nicht nach

  • brauchen eine Stromquelle/Phantomspeisung

  • haben meist einen niedrigeren maximalen Schalldruck. Achtet deshalb auf einen -10dB- oder -20dB-Abschwächer am Mikrofon, der kriegt das in den Griff

Dynamische Mikrofone

  • sind sehr robust

  • haben tendenziell weniger Rückkopplungen (Feedbacks)

  • sind meist günstiger als Kondensator-Mics

 
Janosch Held, Sound Engineer: „Es gibt viele festgefahrene Mythen im Bereich der Mikrofone“

Es hat sich eingebürgert, dass dynamische Mikrofone immer Gesangsmikrofone sind und Kondensator-Mics fürs Studio. Keiner hinterfragt das mehr. Das ist aber falsch. Kondensator-Mics sind toll für Gesang, gerade mit großer Membran (das ist das kleine Blättchen, das durch den Schall schwingt und so die Schallwellen in Signale umwandelt), aber eben – entgegen des Vorurteils – auch live. Sie sind nur nicht so unkaputtbar wie dynamische Mikrofone. Ich habe zum Beispiel mit Bands live gearbeitet, die ihre Amps Richtung Bühnenwand gedreht haben und da ein Kondensator-Mic vorgestellt haben. Dann ist das Mikrofon vor anderen Soundquellen und stolpernden Musikern geschützt, gibt aber trotzdem den fetten Kondensator-Sound.

Eine absolute Faustregel für gutes Mikrofonieren ist übrigens unabhängig von dynamisch oder Kondensator: Nutze so wenige Stative wie es geht.

Mikros auf der Bühne sollen weder wackeln noch verrutschen. Versucht eure Mikros also mit Klemmen an der Soundquelle zu fixieren. Steck-Mikros für Toms(-Toms) und Snare machen es vor. Das geht auch mit Amps. Oder für die Hi-Hat: Da funktioniere ich einfach so ein Klipp-Ding für Fahrradlicht am Lenker um. Die Mikros sind dann bombenfest und die Klangrichtung bleibt gleich.

 
Nils Wittrock, Sänger und Gitarrist von The Hirsch Effekt: „Bring bitte für Auftritte dein eigenes Mikrofon mit – vor allem als Sänger!“

Die meisten Live-Clubs haben eigene Mikrofone, meistens dynamische. Eines der absoluten Standard-Mikrofone, die meistens in Live-Clubs rumliegen, hat ein Manko: Darin ist ein Schaumstoff, den sowohl Musiker als auch Techniker viel zu selten reinigen. Entweder nie, zumindest aber unregelmäßig. Das ist unhygienisch, weil vor dir schon 4715 andere Sängerinnen und Sänger hinein gesungen haben, verändert aber auch den Sound. Denn Schaumstoff, der schmutzig ist, ist undurchlässiger. Das Mikrofon wird dumpf. Es gehen Höhen verloren. Teste das mal im Proberaum mit einem neuen und einem alten, ungepflegten Mikrofon. Gerade wenn du melodisch singst, ist der Unterschied massiv. Außerdem ist es schlichtweg nett, wenn du nicht einfach davon ausgehst, dass dir vor Ort jemand ein Mikrofon reicht. Also: Wenn dir dein Sound am Herzen liegt, bring dein eigenes Mikrofon mit.


Kleinmembran oder Großmembran?

Der Unterschied zwischen großer und kleiner Membran kommt fast nur bei Kondensatormikrofonen vor. Optisch ist das klar zu erkennen: Kleinmembran-Mikros sehen aus wie kleine Röhrchen, Großmembranmikros haben einen großen Korb. Denn der Unterschied steckt im Namen: Das eine hat eine große, das andere eine deutlich kleinere Membran. Welchen Unterschied macht das in der Praxis?

Ein Kleinmembran-Mikro soll präzise und sauber den Sound abbilden. Ein Großmembran-Mikro soll rund und voll klingen. Meistens sind Großmembraner deswegen besser für Gesang geeignet. Bei harten „Punches“ wie einer Snare ist aber der Schalldruck oft zu stark.

Ein Vorteil von Kleinmembran-Mikrofonen ist, dass sie ihre Richtcharakteristik über einen weiten Frequenzbereich konsequenter beibehalten. Auch bei sehr hohen (Solo-Gitarren) oder sehr tiefen Frequenzen (5-Saiter-Bässe) behalten sie ihre Richtcharakteristik. Sie klingen dabei aber weniger „voll“ oder „organisch“, sondern eben sehr akkurat, neutral und detailreich – ein wenig ist es Geschmackssache.

Großmembran-Mikrofone sind in der Richtcharakteristik nicht so akkurat, d. h. bei tiefen Frequenzen eher ungerichtet und bei höheren immer gerichteter. Aber gerade deswegen machen sie die Stimme oder ein Solo-Instrument so natürlich und "vollmundig".


Maximaler Schalldruck: So viel Sound-Power hält das Mikrofon aus

Eine unterschätzte Eigenschaft von Mikrofonen ist der maximale Schalldruck.

Viele Bands kaufen teure Mikrofone und verzerren sich den eigenen Sound durch eine Schall-Überlastung der Mikros.

Der Sound bleibt dann trotz guter technischer Voraussetzungen matschig. Da helfen Mikrofone, die viel Schalldruck verarbeiten können. Ihr solltet aber grundsätzlich den Schallpegel im Proberaum oder auf der Bühne unbedingt einmal überprüfen. So könnt ihr checken, ob alle genutzten Mikros auch diesen Schalldruck aushalten. Sonst bleibt der Sound schlecht und der Grund dafür im Dunkeln.

Der Überblick: Das Thema nicht zerdenken – sondern praktische Erfahrung machen!

Die Welt der Mikrofone wirkt schnell komplexer als sie für die meisten Anwendungen sein muss. Viele Unterschiede der Mikrofone liegen in kleinen Details und sind erst dann wichtig, wenn es an hochprofessionelle Studioaufnahmen geht. Als Faustregeln könnte man sagen:

  • Proberaumaufnahme mit wenig Mikrofonen: ein Kondensator mit Großmembran. Oder zwei dynamische Nieren, die in zwei unterschiedliche Richtungen ausgerichtet sind. Unbedingt maximalen Schalldruck checken!

  • Live-Auftritt mit viel Bewegung: Dynamische Mikrofone, weil stabiler.

    • Mikrofon für Gesang: Großmembran, Superniere

    • Mikrofon steht vor der Bass- oder Gitarrenbox: Kleinmembran, Superniere

    • Mikrofon hängt über dem Schlagzeug: Großmembran, auch Kleinmembran, Niere oder Superniere

Und genau deswegen sollte der „Technik-Dschungel“ in der Mikrofon-Welt euch nie davon abhalten, selbst Neues auszuprobieren. Bei all den Ratschlägen gilt immer: Erlaubt ist, was gefällt! In unserem Artikel über DIY-Recording haben wir unsere Lieblingskünstler gefragt, warum Bands mehr selbst recorden sollten – und was sie dafür brauchen.

Fotos © The Hirsch Effekt