Einen Demo-Song aufnehmen: Tonstudio vs. Homerecording

Löst Homerecording die Zeit im Tonstudio ab?


Dicke Vorhänge vor den Fenstern. Eierpappen an der Decke. In einer Ecke steht eine abgenutzte Couch, in der anderen ein Schreibtisch aus der Pre-IKEA-Era. Der Bildschirm darauf ist einer der allerersten TFT-Monitore überhaupt. Durch das wenige Licht, das die dicken Vorhänge hereinlassen, erkennt es auch ein Hobbyist nicht sofort: Zwischen viel Gerümpel und ein wenig Leergut stehen wahre Schätze. Hochwertige Monitor-Boxen, ein analoges Mischpult und dicke Kondensator-Mikrofone. So. Viele. Mikrofone. So oder so ähnlich sehen die Räume aus, in denen die meisten Bands ihre Songs aufnehmen, irgendwo zwischen Homerecording-Setup und Tonstudio. Haben große Tonstudios ausgedient? Nein, finden viele Künstler, aber ihre Funktion ist heute eine andere.

Die Vorteile des Homerecordings: Zeit, Authentizität, Lerneffekt

Zugegeben: Es fühlt sich einfach gut an, in einem richtigen Tonstudio zu sitzen. In einem dieser Räume, in denen auch die Großen ihre Songs aufnehmen. Eine gelieferte Pizza neben einem 90.000 Euro-Mischpult zu essen. Wann sollte eine Band diese Investition wagen, wenn überhaupt jemals? Für Nils Wittrock ist teures Equipment schön, aber Nebensache:

 
Nils Wittrock von The Hirsch Effekt

Wir haben mit The Hirsch Effekt ganz früh gemerkt: Selber machen ist gut, aber du brauchst mindestens zwei externe Ohren dazu. Das bedeutet aber nicht, dass ihr in ein riesiges Tonstudio gehen müsst. Holt euch einen befreundeten Musiker dazu oder die Band vom Proberaum nebenan. Ich habe mit meiner Band vor The Hirsch Effekt auch schon eines dieser Studio-Wochenend-Angebote wahrgenommen: Die Band zahlt einen pauschalen Preis, kann exakt ein Wochenende unter Aufsicht im Studio sein und bekommt am Ende eine CD mit. Das hat nie zu guten Ergebnissen geführt. Ihr könnt keinen gemeinsamen Klang mit dem Techniker entwickeln, auch wenn er oder sie technisch sehr gut ist.

Ihr braucht für wirklich gute Aufnahmen viel Zeit und jemanden von außen, der seine Ohren leiht. Danach kommt erst der tolle Raum mit der perfekten Akustik und das superteure Equipment. Gerade für das Schlagzeug ist ein Raum wichtig, der groß genug ist und keine harten Steinwände hat. Aber das kriegt ihr auch ohne Tonstudio einigermaßen hin. Erst wenn das gegeben ist, kommt die Frage nach dem teuren Mischpult, den tollen Mikrofonen, der perfekten Akustik.

All das stellt ein Studio bereit. Aber das ist zweitrangig. Viele Bands knüpfen am falschen Ende an: Ein Studio mit toller Technik ist gebucht, durch die Kosten jedoch nur für ein paar Tage. Es ist aber viel wichtiger, Zeit zu investieren, ohne (Kosten-)Druck.

Tammo Reckeweg von Lenna findet Aufnahme-Erfahrung für alle Bands wertvoll:

 
Tammo Reckeweg, Gitarrist und Vocals bei Lenna

Ihr müsst nicht wissen, wie ihr optimal ein Mischpult bedient. Aber ich finde es wichtig, dass Bands grundlegend verstehen, was da überhaupt passiert. Zum Beispiel auf der Strecke von der Gitarre über den Amp, über das Interface, ins Mischpult bis hin zum PC und dann auf die Monitorboxen.

Wenn das von Anfang an ein Tonstudio übernimmt, kostet das den Musiker die Eigenständigkeit.

Fragt euch, bevor ihr einen Song aufnehmen wollt: Für welchen Zweck recorden wir?

These: Es ist heute nicht wirklich einfacher, ein gutes Demo aufzunehmen. Günstiger, ja. Dass jeder mit einem Computer und seiner Gitarre selber Songs aufnehmen kann, ist toll. Aber es hat einen Preis: Es gibt eine Flut von Aufnahmen und Veröffentlichungen, Musiker müssen immer mehr wagen, um aufzufallen. Zudem sind unsere Erwartungen – und speziell die der Plattenfirmen – an Demo-Recordings heute andere, sagt Tommy Newton:

 
Tommy Newton, Ex-Gitarrist von Victory und Kult-Producer

Es gibt keine Demos mehr! Nicht mehr im eigentlichen Sinne. Denn durch die guten technischen Möglichkeiten, die selbst Einsteiger-Bands heutzutage haben, ist das Niveau an Sound und Klang insgesamt gestiegen. Einer Plattenfirma musst du eine fertige Produktion abliefern. Denn die kennen nur die tollen Produktionen, weil sie einfach nichts anderes mehr hören. Da ist es mit „grob“ produzierten Homerecording-Aufnahmen immer schwerer, aus der Masse heraus zu stechen. Es ist eigentlich schade, dass heute die Verantwortlichen des Labels an einem Tisch sitzen, blitzsaubere Produktionen anhören und entscheiden, wer einen Plattendeal bekommt. Früher sind Talentscouts noch in die Proberäume gefahren und haben sich die Songs live angehört.

Trotzdem sage ich allen jungen Bands: Stellt ein Mikrofon in den Proberaum und drückt auf REC. Alleine schon, um euch selbst mal in Ruhe zu hören.

Demo-Songs sind nicht mehr nur für Plattenfirmen oder die breite Öffentlichkeit, sondern müssen Veranstalter und Booker überzeugen. Früher haben Bands für Konzerte und Booking-Agenturen noch vorgespielt. Heute buchen Club-Besitzer viele Bands, ohne sie vorher gesprochen, geschweige denn gesehen zu haben. Für Sebastian Dracu zählt dann vor allem das Feeling der Demo-Aufnahme:

 
Sebastian Dracu, Gitarrist und Sänger

Die Aufnahme muss die Kernidee vermitteln, die Idee, die den Song antreibt und ausmacht. Das kann eine Handyaufnahme manchmal besser als jede Studioaufnahme mit den besten Mikros. Manche Songs kommen dann besser zur Geltung.

Dann macht nämlich nicht der gute Ton die Musik, sondern das Umfeld, die Leidenschaft oder ganz einfach die Zeit, die wir uns für den Song nehmen.

Ich halte es grundsätzlich nicht für falsch, auch mit DIY-Demo-Aufnahmen nach draußen zu gehen.

Das Demo für den Club-Besitzer, den Booker oder sogar eine Booking-Agentur ist also etwas anderes, als für die Plattenfirma. Überlegt euch einmal, ob nicht sogar unterschiedliche Songs für unterschiedliche Zwecke gut sind: Für den Booker vielleicht eher eine gute DIY-Aufnahme eurer energiereichsten Songs. Für das Plattenlabel eher kurze, perfekt arrangierte Stücke, möglichst hochwertig aufgenommen.

Das Tonstudio ist vor allem eine Erfahrung für die Band

Insgesamt haben die großen Studios eine ganz andere Daseinsberechtigung als nur Recording. Sie sind auch ein Feinschliff für den eigenen Sound, Motivations-Boost und Schlüsselmoment für die Band.

 
Tammo Reckeweg, Gitarrist und Vocals bei Lenna

Es ist eben schon ein starkes Gefühl, das erste Mal in so ein richtiges Tonstudio zu kommen. Der Moment, wo du das alles siehst: Die alten Mikrofone, die teuren Geräte, ein Mischpult, das größer ist als ein Küchentisch. Da kommt man ins Staunen, das sind Momente, die bleiben der Band gemeinsam in Erinnerung.

Ich glaube, der Schritt ins Studio ist bei fortgeschrittenen Bands fast unverzichtbar. Aber das hat zwei Seiten.

Einerseits kannst du Dinge machen, die DIY nur mit großem Aufwand gehen. Andererseits: Wenn du als Musiker ins Studio gehst, glaub bloß nicht, dass du dann in den Tag hineinleben und stundenlang an deiner Kunst (nach)feilen kannst. Du fängst morgens an, willst schnell fertig sein, weil das Ganze sehr teuer ist. Du beginnst einen Seiltanz zwischen „schnell“ und „mit ganz viel Liebe“.

Absolute Vorraussetzung fürs Studio ist: Kenne die Songs blind auswendig, im Schlaf!

Eine andere Dimension als die spielerische Sattelfestigkeit ist das Sound-Konzept der Band: Geht erst dann in ein Studio, wenn ihr euch sicher seid, dass das Resultat euch stolz macht und als Band auf die nächste Ebene hebt, findet Tommy Newton:

 
Tommy Newton, Kult-Producer und Ex-Gitarrist von Victory

Der eigene Sound zählt, auf jeden Fall zählt er viel mehr als vermeintlich „guter Sound“. Euer Stil ist eure Berechtigung als Band zu existieren. Hört euch eure bisherigen Aufnahmen an und fragt euch ganz knallhart: Seid ihr eine Kopie? Ich finde es nicht schlimm, sich Anleihen von anderen Bands zu holen. Aber letztendlich macht es die eigene Mischung. Und orientiert euch nicht so sehr an der Technik oder am Equipment anderer Leute.

Der Ton eines Gitarristen kommt nicht nur von Verstärkern, Tonabnehmern oder Gitarren – sondern aus den Fingern.

Vergiss erstmal Effektgeräte. Ein Pedalboard macht keinen Stil. Vor allem wenn ein Pedal etwas kaschieren soll, hört mein Humor auf.


 
Max „Kesh“ Meißner, Rapper

Es spricht schon einiges dafür, einmal diese Studio-Erfahrung zu machen, wenn es geht. Wir haben für eine unserer EPs mit dem Posaunisten von Seeed zusammengearbeitet. Aber für so eine Zusammenarbeit brauchst du zuerst einmal ein gut produziertes Demo und musst eben in ein großes Studio gehen. Es war unglaublich cool mit solchen erfahrenen Musikern zusammenzuarbeiten. Es ging um die Horns für fünf Songs. Der Typ von Seeed hat noch zwei Kollegen mitgebracht und die Parts in ca. 3 Stunden eingespielt. Wir hätten dafür mehr als einen Tag gebraucht. Das ist eben Erfahrung.

Und dann kannst du in einem guten Tonstudio manchmal deine eigene Vision viel besser umsetzen. Diesen einen Film, den du schiebst, wenn du dir deine eigene Musik vorstellst. Aber ganz wichtig:

Lasst niemals den gleichen Menschen euren Kram mastern, der auch gemixt hat. Das hat überhaupt nichts mit den Fähigkeiten der Leute zu tun. Aber es muss einfach ein anderes paar Ohren sein.

Die Entscheidung, wann Bands ins große Studio gehen, ist individuell. Wer professionell Musik machen möchte, kommt an den großen Tonstudios mit besagtem Küchentisch-Mischpult nur schwer vorbei. Aber der Schritt ins Tonstudio soll gut vorbereitet und überlegt sein – und steht eher am Ende einer langen Findungsphase.

Fotos © The Hirsch Effekt