Gesang aufnehmen und erste Schritte bei der Bearbeitung

Wir haben die Einsteigertipps, wenn ihr eure Gesangsaufnahme zu Hause macht


„Es ist ein großer Fehler zu denken, dass ein Studio mit teurem Equipment automatisch zu sehr guten Aufnahmen führt“, sagt Nils Wittrock von The Hirsch Effekt. Und es scheint mehr zu sein, das für Gesangsaufnahmen in den eigenen vier Wänden spricht. Homerecording und DIY  sind keine Trends, sondern für viele Künstler inzwischen Einstellungssache. Gerade in Zeiten der Pandemie nehmen immer weniger Bands ihre Musik in Tonstudios auf. Denn im Grunde brauchen Musiker nur noch drei Sachen: Mikrofon, handliches Interface, Computer. Wenn ihr schon ein wenig über Mikrofonierung Bescheid wisst, lernt ihr in diesem Artikel die Basics für eine saubere Gesangsaufnahme.

Gesang aufnehmen, aber noch nicht das richtige Mikrofon gefunden?

Basis für eine gute Gesangsaufnahme sind zwei Dinge: die Fähigkeiten der Sängerin und die Fähigkeit des Mikrofons, die Stimme optimal aufzunehmen. Wählt das Mikro also sorgfältig, probt mal mit einem dynamischen Mikrofon, mal mit einem Kondensatormikrofon. Hier findest du einen Artikel über das optimale Mikrofon zum Singen. Wenn du Gesang aufnehmen willst, sind Kugelmikrofone aller Art meist ein No-Go. Was die Technologie angeht, wähle zwischen:

  • Dynamischem Mikrofon: klingt häufig eher bodenständig, rau, weniger hohe Frequenzen
  • Großmembran-Kondensatormikrofon: meist sehr sauberer, klarer, hochauflösender Sound
  • Kleinmembran-Kondensatormikrofon: oft schwächer in den tiefen Frequenzen, unterstützt einen höhenlastigen Sound

Oft eignet sich das Schlafzimmer, um Gesang aufzunehmen

Wenn ihr Gesang zu Hause aufnehmen wollt, sucht nach einem Raum mit viel weichen Oberflächen und vielen Möbeln. Meist klingt das Schlafzimmer am besten, weil es am wenigsten Hall produziert. Hall sorgt bei jedem Instrument für eine gewisse Distanz und Zurückhaltung im Mix. Das kann auch mal gewünscht sein, meist wollen wir aber Gesang aufnehmen, der uns nah vorkommt, vordergründig ist. Falls ihr eine begehbare Garderobe habt, ist das ein Geheimtipp als Home-Recording-Gesangskabine.

 
Florian B. von Long Way Home

„Meine persönliche Meinung: Es spielt im DIY-Bereich gar keine so große Rolle, ob der Raum zu ‘trocken’, also schalltot, oder zu ‘nass’, also hallig, ist. Denn die Band kann es als Stilmittel begreifen und bewusst in der Musik unterbringen. Ich werte das gar nicht. Räume klingen eben unterschiedlich. Was aber klar sein muss: In einem relativ trockenen Raum habt ihr mehr Möglichkeiten, am Mix zu arbeiten. Einen Raumschall auf der Stimme kriegt ihr nicht mehr raus, eine trockene Aufnahme könnt ihr immer mit künstlichem Nachhall bearbeiten.“

 
Nils W., Sänger und Gitarrist von The Hirsch Effekt

Befreit euch von „Demoitis“

„Versucht ganz allgemein – auch wenn ihr Gesang aufnehmt – Demoitis zu vermeiden. Demoitis ist das Verlangen, eine raue, schnelle Demoaufnahme im Studio exakt, aber ’irgendwie besser’, nachzustellen. Etwa, wenn ihr eine coole Idee schnell als Demo aufgenommen habt und später noch mal „hochwertiger“ für ein Release einsingen wollt. Die Krux ist: Bei Demos experimentiere ich viel mit meiner Stimme. Das später im (Home-)Studio 1:1 exakt genauso nachzustellen, ist oft weder möglich noch produktiv und eventuell nicht einmal besser. Entweder ihr findet euch damit ab, dass es anders klingt, oder ihr nehmt einfach die Aufnahme auf der Demo.“

Die Position des Mikrofons im Raum

Die Positionierung im Raum hingegen ist ein wenig knifflig, da du weder mittig noch zu nah an der Wand aufnehmen solltest. Nehmen wir einen Raum von 10 Quadratmetern. Stell die Sängerin in die Ecke und lass sie geradeaus zwei große Schritte zur Raummitte gehen. Da sollte sie aufnehmen. Das Mikrofon zeigt zur Raumecke, aus der die Sängerin losgelaufen ist. Für die Akustik ist dann besonders die Raumecke wichtig, die genau hinter der Sängerin ist. Oft reicht es, wenn ihr dort eine Jacke oder einen Vorhang hinhängt.

Macht vor der Aufnahme einen Test und schaut, ob das Mikrofon genug Pegel an das Interface und die DAW liefert. Wenn nicht, brauchst du eventuell einen Mikrofonvorverstärker Gerade Kondensatormikrofone profitieren oft von den kleinen Geräten, das Signal wird dann dichter und klarer.

 
Maurice, Sänger von Rednight

Es braucht Zeit, Gesang aufzunehmen

„Wir nutzen live ein Voice-Effektboard, damit wir überall den gleichen Klang mit der Stimme haben. Im Studio setzen wir vor allem auf eine gute Vorbereitung der Stimme. Man kann das teuerste Equipment nutzen, wenn die Stimme nicht „geölt“ ist, wird das Ergebnis auch später nicht überzeugen. Daher sollte man für die Vocalaufnahmen immer besonders viel Zeit einplanen, um letztlich die richtigen Momente auffangen zu können!“

Die Position des Mikrofons vor dem Singenden

Bei der Position des Mikros im Verhältnis zur Sängerin gibt es ein paar Grundregeln für fest installierte Mikros. 12-30 Zentimeter sind der normale Abstand vom Sänger. Weniger Abstand, also ca. 12-18 Zentimeter, machen die Vocals eher wärmer, persönlicher, vertrauter. Mehr Abstand bedeutet auch Distanz im Klang, es wird epischer, lockerer, nimmt mehr Raum, fühlt sich weniger nah an.

Hat der Sänger Probleme mit Zischlauten beim S oder Plosivlauten beim P, gibt’s einen Trick: Dreht das Ende des Mics um 20° in eine Richtung. So singt der Sänger seitlich in das Mikrofon.

Das Mikro darf in der Höhe variieren. Der Effekt dabei ist leicht zu merken: Ein Mikro, das eher in Höhe des Kehlkopfes hängt, betont Bässe. Ein Mikro, das merklich höher als die Lippen des Sängers hängt, betont auch höhere Frequenzen. Voraussetzung - und das ist wichtig für die Stimme - der Sänger singt stets mit dem Blick geradeaus. Lemmy von Motörhead hat das zu Lebzeiten ein wenig „falsch“ gemacht, weil der gestreckte Hals die Stimmbänder beim Singen belastet. Warum er trotzdem so gut klang, weiß Nils von The Hirsch Effekt.

 
Nils W., Sänger und Gitarrist von The Hirsch Effekt

Performance ist wichtiger als technischer Perfektionismus, wenn ihr authentischen, starken Gesang aufnehmen wollt

„Die Performance ist wichtiger als das perfekte Aufnahmeequipment. Das Mikrofon muss dazu beitragen, dass der Singende sich wohl fühlt. Unsere Erfahrung ist: Die Energie der Performance hört man, die allerletzten Qualitätsunterschiede zwischen einem guten dynamischen Mikrofon und einem Großmembran-Mikrofon eher nicht. Da kann man bei viel Power auch mal ein dynamisches Mikrofon nehmen und bei ruhigeren Passagen vielleicht ein sattes, warmes ECMS-90. Für Shouts, Growls oder Gesang, der einfach eine gewisse Power braucht, fällt es mir viel leichter, wenn ich das Mikrofon in die Hand nehmen kann. Dann ist die Energie und Performance einfach anders. Ganz ehrlich: Wer von euren Fans hört die Musik und sagt: ‘Aha, da höre ich doch ein anderes Mikrofon, das gefällt mir nicht.’ – Nein, es ist am Ende die Performance, die zählt.“

 
Jesse Garon, Sänger von Sloppy Joes

„Zu Beginn meiner Sängerlaufbahn ging es mir zunächst darum, absolute Qualität abzuliefern. Intonation und Präzision der Töne und Timing beim Gesang aufzunehmen war mir extrem wichtig. Heute weiß ich: Es ist völlig okay, dass man sich davon etwas entfernt. Lasst euch vor dem Aufnehmen des Gesangs auf den Song ein: Überlegt, worüber ihr singt und welche Emotionen das in euch auslöst. Beim Singen geht es um den Ausdruck von Gefühlen, um Charakter, darum, dem Song das gewisse Etwas zu geben. Sich nur auf das Treffen der richtigen Töne und das Timing zu konzentrieren, kann Euch dabei im Weg stehen. Fühlt den Song und lasst es raus. Auch wenn ihr dann mal ein paar Töne nicht ganz optimal trefft.“

Die Basis zum Abmischen des Gesangs: Kompressor, EQ, Hall

Nur mit dem Aufnehmen von Gesang ist die Arbeit aber nicht getan. Am besten hört sich der Mischer die Gesangsspuren mit dem Vokalisten zusammen an. Gesangsspuren sind immer sehr dynamisch, auch bei wirklich guten Sängern und Sängerinnen. Dagegen hilft die Dreifaltigkeit der Vocal-Effekte:

 
Nils W., Sänger und Gitarrist von The Hirsch Effekt

„Ich habe bei den ersten Aufnahmen für The Hirsch Effekt an den Vocals mit dem kostenlosen Plug-in „Kjaerhus Classic Compressor“ gearbeitet. Das macht den Job sehr gut und funktioniert einwandfrei mit Cubase. Ach ja, die Kompressoren, die Cubase 10 von Haus aus mitbringt, sind auch gut brauchbar. Wenn ich meine Stimme mit dem Equalizer abmische, mache ich, ehrlich gesagt, immer das Gleiche: Ab 5 kHz ordentlich Höhen reindrehen, ein Low-Cut um 80 Hz und ein paar Mitten bei 500 Hz reindrehen – für eine bessere Sprachverständlichkeit. Damit ist das Rad nicht neu erfunden, aber es sind gute Basics. Und natürlich muss auf fast alle Stimmen ein bisschen Hall – am besten sogar ein Raumklang-Effekt und da noch mal Hall dazu -, auch bei Screams und Growls. Gerade bei Rockmusik darf es am Ende kein furztrockenes Signal sein."

Ein paar Worte zu Noise Gates bei Vocals

Da wir in Foren und von DIY-Recording-Sessions immer hören, Noise Gates auf den Gesangsspuren würden nicht funktionieren, hier ein Hinweis: Noise Gates klingen nur dann gut, wenn die Lautstärke der Spur sehr homogen ist. Ansonsten klingen Noise Gates an verschiedenen Stellen sehr unterschiedlich, Worte im Gesang sind abgehackt, es klingt „gated“. Es gibt zwei Möglichkeiten:

  1. Ihr normalisiert vor dem Einsatz des Noise Gate die Lautstärke der Gesangsspur.
  2. Ihr setzt einzelne Gesangsparts separat auf einzelne Spuren und könnt das Noise Gate so gezielter einsetzen.

Wir hoffen, mit diesen Tipps startet ihr noch besser in eure nächste Home-Recording-Session. Übrigens: alle Sänger, die wir gefragt haben, hatten den gleichen Hinweis: Nehmt euch besonders viel Zeit, wenn ihr Gesang aufnehmen wollt. In unserem Magazin findet ihr von unseren IMG-Artists jede Menge weiterer Guides und Profi-Tipps zum Thema Recording.

Headerbild  © The Hirsch Effekt