Drum Recording: So nehmt ihr eure Schlagzeugspuren noch besser auf – ohne großes Budget

Vom Raumklang profitieren oder mixen wie die alten Motown-Legenden: So werden eure Drum Recordings noch fetter


Drum Recordings sind immer komplex. Der Schlagzeuger muss genau auf den Click spielen, es gibt unzählige Möglichkeiten für Störgeräusche und Resonanzen, das Schlagzeug ist laut und im Grunde ein Orchester von diversen sich unterscheidenden Soundquellen. Ein Schlagzeug aufnehmen funktioniert ansonsten wie jede andere Aufnahme: Mikrofone hinstellen, ab ins Interface, in den PC, DAW anschalten und los. Was, es soll auch noch gut klingen? Dazu haben wir eine paar Tipps für euch zusammengetragen.

Ein Überblick:


Beginnt das Drum Recording mit Overhead-Mikros und füllt individuell auf

Eine methodische Aufnahmesession könnte sich nach und nach dem Optimum nähern. Ihr startet mit zwei Overhead-Mikrofonen, die auf gleicher Höhe über eurem Drumset hängen. Nehmt dann einfach mal ein paar Takte auf. Am besten nutzt ihr einen Songabschnitt, bei dem ihr das ganze Drumset benutzt. Hört eure Overhead-Testaufnahme an und entscheidet, welche Parts des Drumsets noch zu sehr im Hintergrund stehen. An dieser Stelle füllt ihr dann mit individuellen Mikros auf, zum Beispiel mit einem Mikrofon für die Bassdrum. Hier findet ihr detaillierte Tipps zur Mikrofonierung, auch vom Drumset.

 
Nils Wittrock, Sänger und Gitarrist von The Hirsch Effekt :

„Wir leben im Zeitalter des günstigen und guten Musik-Equipments. Ich glaube, man hat immer mehr davon, günstiges Equipment zu nutzen und dafür viel Liebe und Zeit in eine Aufnahme zu stecken.“

Vermeidet Phasenprobleme direkt beim Recording – „fix it in the mix“ ist Notlösung, nicht Ziel!

Durch die Multi-Mikrofonierung eines Drumsets kann es schnell zu Phasenproblemen kommen. Die sind nicht immer ganz offensichtlich. Oft führt es dazu, dass die Aufnahme „nicht ganz richtig“ klingt. Das Resultat: Ihr versucht euer Recording-Set-up intuitiv zu optimieren, kennt aber die eigentliche Fehlerquelle gar nicht. Genauer gesagt führen Phasenprobleme zu Auslöschungen im Sound, meist klingt der Track dann hohl oder es fehlen Bässe.

Wie entstehen Phasenprobleme?

Phasenprobleme entstehen immer dann, wenn mehrere Mikrofone die gleiche Soundquelle aufnehmen. Schallwellen schwingen in regelmäßigen Zyklen und – wie der Name sagt – in Wellenform. Das vollständige „Durchschwingen“ einer Schallwelle nennt sich „Periode“.

Schwingen mehrere Schallwellen miteinander und gleichmäßig, sind sie „in Phase“. Sind sie aber durch eine unterschiedliche Entfernung zwischen Soundquelle und Soundempfänger verschoben, sind sie „aus der Phase“, es liegt eine Phasenverschiebung vor.

Je mehr die Perioden auseinanderdriften, desto schlimmer ist es. Beim Schlagzeug ist es noch komplizierter, da hier mehrere Mikros gleichzeitig mehrere verschiedene Soundquellen aufnehmen. Je mehr Mikros, desto schwieriger wird es. Vielleicht habt ihr von diesem Problem schon einmal in einem anderen Kontext gehört: Ersetzt in eurem Kopf „Soundquelle“ durch „Lautsprecher“ und „Mikrofon“ durch „Ohren“. Stellt ihr mehrere PA-Lautsprecher ungeschickt auf, kann es für das Publikum ebenfalls zu Phasenproblemen kommen.

 

Wie vermeidet ihr Phasenprobleme oder fixt die Drum Recordings?

Viele Mikrofone, Mikrofonvorverstärker und digitale Mischpulte bieten inzwischen einen eingebauten Phasenumkehrschalter. Zudem könnt ihr gegen die fehlenden Bässe durch die Phasenverschiebung auch am EQ arbeiten. Das sollte aber nur die Notlösung sein. Besser ist es, wenn alle Mikros von Anfang an die gleiche Distanz zum Drumset haben. Miss am besten von der Snare den Abstand und halte den Abstand überall ein.

Dieses Problem ist der Grund, warum viele erfahrene Toningenieure sich freuen, wenn sie mal wieder ein Drumset mit nur zwei oder drei Mikros aufnehmen dürfen: Es ist einfacher und damit im Endergebnis oft sauberer. Im Grunde zahlen sich hier aber Geduld und Experimentierfreude aus.

Phasenprobleme: liegt es am Lautsprecher?

Achtung, eine Phasenauslöschung kann auch dadurch entstehen, dass Lautsprecher falsch angeschlossen sind. Es kommt immer wieder vor, dass die Polarität eines Kanals versehentlich umgekehrt wird. Check das am besten, in dem du die Mono-Summe abhörst. Klingt der Mix dünn, ohne fette Bässe, fehlen die Tiefen allgemein? Dann solltet ihr die Polarität überprüfen.

Baut euer Schlagzeug in einem „sauberen“ Set-up auf: gereinigt und gestimmt

Zugegeben, ein Schlagzeug zu stimmen nervt. Vielleicht ist das der Grund, dass viele Drums auch im Studio nicht gestimmt sind. Wenn das der Fall ist, geht wertvolle Zeit verloren, weil ein Schlagzeug so schlichtweg „falsch“ klingt und im Mix nachgemischt werden muss.

 
Janosch Held, Tontechniker

„Ein ungestimmtes Schlagzeug ist der Killer für jede Aufnahme. Oft sind Snares zu tief, weil sie nie nachgestimmt wurden – da kann der Toningenieur am Mischpult nichts mehr machen.“

Ihr könnt Störgeräusche und nervende Obertöne vermeiden, wenn ihr einfach nur das aufbaut, was ihr auch nutzt. Klar sieht ein riesiges Drumset toll aus, aber im Studio solltet ihr pragmatisch denken.

 
Tommy Newton, Musikproduzent

„Sagt eurem Schlagzeuger, er soll wirklich nur das aufbauen, was er braucht. Dann gibt es keine Resonanzen von Schlagzeug-Parts, die gar nicht benutzt werden.“

Moongel oder Damper Pads: Toms und Snares einfach nachjustieren

Mit sogenannten Damper Pads könnt ihr lästige, geräuschvolle Obertöne aus eurem Schlagzeug-Sound nehmen. Dabei gibt es keine richtige oder falsche Positionierung der Pads, ihr könnt einfach ein wenig ausprobieren. Fangt mit einem Pad am Rand der Tom oder Snare an und testet, wie der Sound sich verändert. Voraussetzung ist natürlich, dass die Trommeln richtig gestimmt sind.

Nutzt Parallel Compression, auch „New York Drums Trick“ oder „Motown Trick“ genannt

Die sogenannte „New Yorker Komprimierungstechnik“ ist gerade bei Drum Recordings besonders effektiv. Denn sie verstärkt durchen parallel, komprimierte Drumspur die trockenen, schwachen oder „muffigen“ Drumsounds. Das passiert mit einer dynamischen, konsistenten zweiten Audiospur, einem komprimierten Double der eigentlichen Spur. Dieses zweite Signal mischt ihr parallel unter die Originalspur. Und so funktioniert es: Die parallele Kompression passiert zumeist auf einen Aux-Kanal. Über den Aux-Send-Kanal könnt ihr alle perkussiven Elemente gruppieren.

Sendet auf diesen Aux-Kanal nicht zu viele laute Signale, da wir Clipping und andere Verzerrung natürlich vermeiden wollen – achtet also auf den Pegel beim Aux-Send! Im Grunde könnt ihr dann jeden beliebigen Stereokompressor nutzen. Das Geheimnis ist eine hohe Ratio, gekoppelt mit einem niedrigen Threshold sowie schnelle Attack- und Release-Zeiten. Natürlich ist es auch ein wenig Geschmackssache, aber startet so: Ratio 8:1, Threshold -20, Attack in maximaler Geschwindigkeit und Release im ersten Drittel des Potis. Der Aux-Kanal selbst klingt dann nicht besonders spannend, aber wenn ihr ihn mit den normalen Drumspuren mischt, entsteht oft ein sehr fettes Gesamtbild.

Nehmt den Raumklang bewusst mit auf die Aufnahme

Gute Raummikrofone sind Gold wert. Einige Toningenieure sagen sogar, dass das Raummikrofon das hochwertigste Mikrofon bei Drum Recordings sein sollte. Ihr könnt für den Raumklang also zum Beispiel ein gutes Großmembran-Kondensatormikrofon nutzen. Es gibt die weitverbreitete Faustregel:

Drum Recordings müssen wie ein Drumset klingen, nicht wie mehrere einzelne Schlagzeug-Elemente übereinandergelegt.

Konzentriert euch am Anfang also lieber mehr auf Raummikros und Overheads, als stundenlang an der einzelnen Nah-Mikrofonierung herumzudenken. Denkt die Nah-Mikros an der Snare oder den Toms eher als zusätzlich, als mögliches Add-on, wenn sich ein Element doch mehr durchsetzen soll. Wenn ihr es so denkt, klingt es ein bisschen mehr „old school“, vergleichbar mit alten Soul- und Rock-Sounds der 1960er-Jahre.

 

Next-Level-Raumklang: Nutzt ein Resonanz-Drumset für mehr Live-Feeling

Wenn ihr den Luxus habt, ein zweites Schlagzeug zu haben, probiert Folgendes: Nehmt eure Drumtracks auf, während ein anderes Schlagzeug im Raum steht. So erhaltet ihr eine zusätzliche, ganz natürliche Resonanz durch das Rauschen der anderen Trommeln. Das ergänzt den Raumklang subtil.

Die einfachere Variante mit nur einem Schlagzeug:

  1. Nehmt die Schlagzeugspur auf und mischt sie grob ab.
  2. Spielt über eure Lautsprecher den Mix in einem gut dimensionierten Raum ab, in dem auch eure Drums stehen.
  3. Nehmt den Raumklang des so wiedergegebenen Drum-Mixes auf.
  4. Fügt das zum Mix hinzu, voilà: eine Schlagzeugspur mit sehr authentischem Live-Sound.

Dafür braucht es aber eine einigermaßen gute Raumakustik. Achte also darauf, dass du die Akustik im Proberaum verbesserst, bevor du dort mit deiner Band das Schlagzeug aufnehmen willst.

 
Nils Wittrock, Sänger und Gitarrist von The Hirsch Effekt:

„Während bei Gitarre und Gesang der Raum eher zu vernachlässigen ist, steht und fällt eine gute Schlagzeugaufnahme mit der Akustik.“

Nutzt berühmte Komplettlösungen: Die „Recorderman-Technik“ und die „Glyn-Johns-Methode“

In der Szene gibt es bei Diskussionen um Drum-Recordings die Minimalisten und die Super-Techies mit 254 Mikrofonen und 12 Drum-Effekt-Plug-ins. Und dann gibt’s da immer jemanden, der entweder die Recorderman-Technik oder die Methode von Glyn Johns ins Spiel bringt. Beide wollen wir kurz beschreiben.

Ihr habt zwei Mikros? Die „Recorderman-Technik“ – Minimalismus für luftige, räumliche Drum Recordings

Diese Methode wurde vom Sound Engineer Eric Greedy erfunden. Hier braucht ihr nur zwei gute Kondensatormikrofone, am besten das gleiche Modell. Es funktioniert folgendermaßen:

  1. Nehmt eine Schnur. Macht bei 80 cm einen Knoten. Falls ihr keine Schnur habt: Das ist ungefähr die Länge von zwei normal großen Drumsticks.
  2. Befestigt das Ende der Schnur mit Panzertape in der Mitte der Snare.
  3. Haltet die Schnur senkrecht nach oben. Der Knoten zeigt die exakte Position des ersten Mikrofons, des Overhead-Mikrofons. Dieses ist genau auf die Mitte der Snare ausgerichtet und hängt genau 80 cm hoch.
  4. Nun stellen wir ein zweites Mikrofon auf, das von hinten über die rechte Schulter des Drummers „schaut“. Es hängt etwa auf Stirnhöhe. Dieses Hinter-der-Schulter-Mikrofon ist auch exakt auf das Zentrum der Snare ausgerichtet und hat den exakt gleichen Abstand zwischen Mikrofonkapsel und Snare (80 cm).
  5. Da ihr gerade mit Panzertape eine Schnur auf den Mittelpunkt der Snare geklebt habt, könnt ihr direkt den Abstand für das „Hinter-der-Schulter-Mikro“ abmessen. Oder ihr nehmt wieder die zwei Drumsticks.
  6. Das Einzige, was zu beachten ist: Die Distanz der beiden Mikros zur Bassdrum muss gleich sein. Messt also einmal vorne am Mittelpunkt eurer Bassdrum: Ist die Distanz von Bassdrum-Mitte zu Overhead-Mikrofon und Hinter-der-Schulter-Mikrofon gleich? Dann kann’s losgehen.

 

Dieses Set-up sieht nicht nur schrecklich asymmetrisch aus, sondern ist für den Drummer auch ungewohnt, weil ein Mikro sehr nah über der Stirn baumelt und ein anderes direkt über die rechte Schulter hängt. Es hat sich aber aufgrund der Phasen der Schallwellen als äußerst wohlklingend erwiesen. Wenn euer Englisch gut ist, gibt es hier ein sehr anschauliches Erklärvideo:


Ihr habt drei Mikros? Die „Glyn-Johns-Methode“ für vollere Drum Recordings

Hier braucht ihr mindestens drei Großmembran-Kondensator-Mikros:

  1. Das erste Mikrofon ist das „Side-Mikro“ und steht rechts neben der Snare, auf Höhe der Snare und ist auf die Snare ausgerichtet.
  2. Das zweite Mikro, das „Top-Mikro“ ist ähnlich wie bei der Recorderman-Technik direkt über der Snare und schaut direkt auf die Snare.
  3. Das dritte Mikro, das Front-Mikro, steht vor der Bassdrum und ist – wie die anderen – auf Höhe der Snare und auf die Snare ausgerichtet.
  4. Optional: Ein Mikro direkt an der Bassdrum.

Bezugspunkt für die Positionierung der Mikros ist wieder die Snare. Der Abstand Side-Mikro zur Snare und Top-Mikro zur Snare ist gleich: 90-110 Zentimeter. Der Abstand vom dritten Mikro zur Snare ergibt sich aus der Distanz zwischen Side-Mikro und Top-Mikro. Jetzt ist nur noch wichtig, dass alle drei Mikros ungefähr denselben Pegel für die Snare ausgeben – also einmal ans Mischpult und einpegeln. Dann könnt ihr loslegen. Faustregel fürs Mixing: Side-Mikro nach rechts pannen, Top-Mikro ⅔ nach rechts, Front-Mikro in die Mitte.

Mit unseren Tipps für gute Drum Recordings wird euer nächstes Demo oder euer nächstes Release noch besser. Stöbere doch weiter in unserem Magazin. Dort haben wir viele weitere Inhalte rund um das Thema DIY-Recording, etwa wie du noch besser Gesang aufnehmen kannst oder wie ihr den Bass nach euren Wünschen mixt.

Bildquelle Headergrafik: © The Hirsch Effekt