Clubsterben: Deswegen verschwinden unsere Lieblingslocations

Ist das Clubsterben das Ende der Live-Kultur?


Das White Trash, der Sophienclub oder das Magnet in Berlin, die Astra Stube, das Fundbureau und der Waagenbau in Hamburg, das Sinatra's in Bremen. Namen, die für jahrzehntelange Clubkultur stehen und in den letzten Jahren ihr Ende fanden. Viele Kultclubs waren Sprungbretter für junge Bands. Sie waren nicht nur eine Möglichkeit, live zu überzeugen und Merch zu verkaufen. Sie waren für viele Bands auch wichtig, um die richtigen Menschen am richtigen Ort in der richtigen Stimmung zu treffen. Diese Orte werden weniger und diese Entwicklung finden wir alle schlimm. Trotzdem bleibt der Platz vor der Bühne der noch bestehenden Live-Clubs häufig leer – das passt nicht zusammen. Wir haben die Künstler der IMG-Familie nach ihrer Meinung gefragt.

Zwischen 2009 und 2015 ist jede zehnte Disco- oder Club-Location ersatzlos verschwunden

Viele kennen inzwischen diese Infografik, die seit 2015 die Runde macht. Sie zeigt, dass es im Jahre 2015 erstmals mehr Bars als Clubs und Diskotheken gab.

Interessierst du dich eher für die wichtigsten Gründe des Clubsterbens oder dafür, was wir dagegen unternehmen können?

 
„Live-Clubs sollten besser selektieren“, Maurice Klinge von der Aachener Hardrock-Band REDNIGHT

„Gerade viele Kultclubs sind vom Clubsterben betroffen – und wir können auch verstehen, dass man nicht zwingend abhängig von Fördermitteln sein möchte. Wir denken auch, dass es mittlerweile nicht mehr so ist, dass man in eine Live-Location geht und zwingend vielversprechende Acts zu sehen bekommt. Das hat vor allem mit dem Bewerbungsprozess zu tun. Ist eine Band wirklich so, wie sie auf den Aufnahmen klingt? Bei dem Überfluss an Bands sollten Live-Clubs besser selektieren. Klar, jeder soll eine Chance haben zu spielen. Aber je besser die Qualität, desto interessanter sind die Events für den Zuschauer.

Gleichzeitig sollten Live-Locations ihre Stärken besser ausspielen. Social Media ist gut und schön, aber wo erreicht man den typischen Konzertgänger? Bei Festivals, Events, anderen Konzerten – da sollte man mit Promo ansetzen. Das ist schließlich ein Feld, in dem sich die Clubbesitzer meistens auskennen.“

 
„Live-Clubs müssen wieder exklusiver sein“, Max „KESH“ Meißner, Rapper

„Seit einigen Jahren gibt es ein Überangebot an Veranstaltungen – so viele Live-Bands, DJs, andere Acts. Befreundete DJs von mir spielen deswegen lieber auf den größten Festivals, aber immer weniger in Clubs. Weil sie das Gefühl haben, dass dort ihre Musik nicht so geschätzt und auch schlechter bezahlt wird. Clubs müssten wieder exklusiver sein. Und die Leute müssten ihr Verständnis von Musikkonsum verändern. Früher gab es viel mehr Leute, die einfach gespannt darauf waren, neue Musik zu hören. Heute gibt es durch dieses massive Überangebot viel weniger Interesse daran.“

 
„Die Leute gehen auf Konzerte – aber weniger in Clubs“, Sebastian Dracu, Gitarrist und Sänger

Jedes Jahr fällt irgendeine wichtige Location weg. Die kleinen Clubs, die weiterbestehen, werden immer mehr von Booking-Agenturen und dem Musik-Mainstream eingenommen, und zu viele Läden haben Angst, die Türen für Underground-Acts zu öffnen. Woran das liegt? „Kulturimperialismus“ nenne ich das. Die großen Firmen, also die Major-Labels und deren Agenturen, bewerfen uns von oben bis unten mit ihrer Chartmusik. Gehen die Leute denn wirklich auf weniger Konzerte? Wäre das so, wieso stehen 150.000 Leute bei einem Ed-Sheeran-Konzert? Wie erklären wir uns die ausverkauften Stadion-Tourneen der Pop-Stars? Die Leute gehen schon raus – nur nicht mehr so viel in Live-Clubs. Die großen Companies haben eben das Geld für eine sehr gute Vermarktung.


Veränderte Nischen, Social Media und Behörden – 3 Faktoren, die den Clubs das Leben schwerer machen

1. Kleinere Subkultur-Nischen, mehr Konkurrenz

Dienstleistungen, die sehr individualisiert sind, finden wir oft gut. Ein Live-Club kann das aber nicht leisten. Das ganze Konzept eines Clubs ist auf kollektives Erleben ausgerichtet. Und ein Konzertabend mit drei eher unbekannten Bands kann schlichtweg nicht bis ins letzte Detail individualisiert sein. Ein Club-Konzert bedeutet: Alle Besucher geben die Kontrolle über die Musik, die sie hören, für 2 bis 3 Stunden ab. Sie riskieren, Songs zu hören, die sie nicht sofort einordnen können.

Im Kontrast dazu bieten Streamingdienste aber exakt unsere Lieblingsmusik zu exakt der richtigen Zeit an allen unseren Lieblingsorten. Und nicht nur die eigene Lieblingsmusik, denn die Kennst-du-schon-Algorithmen auf Streaming-Plattformen sind inzwischen recht gut. Das ist eine echte Konkurrenz zu Musikclubs, in denen wir früher neue Musik entdeckt haben.

Die Diskussionen in Facebook-Veranstaltungen sind ein Symptom davon: Im Vorfeld gibt es viele Wünsche nach eigenen Lieblingssongs oder Covern für die Setlist. Im Nachgang gibt es Kritik am Konzept der Veranstaltung: „Ich bin gekommen, um 90s-Emo zu hören, aber ständig lief nur moderner Kram!“

Die Genre-Polizei möchte die eigene Musik hören – sonst nichts. Auch Subkultur-Clubs können das nicht immer bieten und dabei wirtschaftlich bleiben.

 
„Ich bin stolz auf jeden, der vor der Bühne steht!“, Sebastian Dracu, Gitarrist und Sänger

„Was passiert bei einem Clubbesuch? Wir kommen in einen Keller. Auf einer kleinen Bühne will ein unbekannter Künstler mit seiner Gitarre unser Ohr und Herz erobern. Wir sind quasi ‘gefangen’ in diesem kleinen Keller, weil wir schon 6 € Eintritt gezahlt haben. Setzen wir uns wirklich damit auseinander, was dieser Unbekannte auf der Bühne macht? Vielleicht wird das merkwürdig, fühlt sich komisch an – oder ist total gut? Viele haben vergessen, wie viel bewegender dieser persönliche, fast private Rahmen sein kann, wenn wir uns darauf einlassen. Vor allem im Vergleich zu 150.000 Menschen am Nürburgring, wo wir unsere Smartphones draufhalten und direkt die Instagram-Story basteln. 

Ich befürchte, irgendwann gibt es keine Clubs mehr, wenn wir kleinen Herzblut-Musiker uns nicht dagegen stemmen. Deswegen bin ich immer super stolz auf jeden Einzelnen, der bei mir vor der Bühne steht – egal ob vor 15 oder 500 Zuhörern.“

2. Social Media ist der neue Live-Club

Egal, aus welcher Musikszene wir kommen: Abends auf Tour zu gehen, zum kleinen Konzert im Live-Schuppen um die Ecke, hatte immer auch eine Sehen-und-gesehen-werden-Funktion. Und damit eben auch eine soziale Funktion. Dieser Austausch spielt sich aber heute vermehrt auf Instagram und Facebook ab. Dass ein Kumpel das Studium abgebrochen hat, um sich als Craft-Bier-Brauer zu verwirklichen? Das wissen wir oft schon. Sogar wo, mit welcher Hopfensorte und mit wem – er muss es nicht mehr erzählen.

Was vorher ein direkter Austausch im Lieblingsclub war, spielt sich heute online ab. Clubs als zentraler „Social Melting Pot“ sind Geschichte.

3. Clubs haben es strukturell schwerer als noch vor 15 Jahren

Innenstädte und Szeneviertel sind im Trend. Nicht zum Weggehen, sondern zum Wohnen. Das führt zu Gentrifizierung: steigende Mieten und Streitpotenzial mit neuen Nachbarn. Plötzlich sind Szeneclubs und gehobener Wohnraum in direkter Nachbarschaft. Die Clubs, die ein Viertel erst lebenswert machen und damit hippe Gutverdiener anlocken, stören auf einmal die neuen Nachbarn. Nach vier Jahrzehnten Clubgeschichte ist Schallschutz plötzlich ein Thema – und der ist teuer.

Das hängt auch damit zusammen, dass viele Clubs die Raucher vor die Tür verbannen müssen – je nach Bundesland und Aufteilung der Räumlichkeiten. Draußen treffen Geräuschpegel und Anwohner ungebremst aufeinander.

Dazu kommen neue Brandschutzanforderungen und höhere GEMA-Gebühren. Brandschutz und Nichtraucherschutz sind gut – aber die Clubs kostet das in erster Linie Geld.

Ein Teufelskreis: Weniger Zuschauer bedeuten weniger Einnahmen, gleichzeitig steigen gesetzliche Anforderungen und Ausgaben. So fehlt Geld für Promo und Modernisierung.


Ein Lösungsansatz: Vernetzung und Zusammenarbeit sind der Schlüssel für eine gesunde Club-Kultur

Berlin und Bremen machen die Vernetzung aufseiten der Live-Clubs vor. Der Clubverstärker e. V. in Bremen und die Clubcommission in Berlin sind gemeinsam im Dachverband LiveKOMM organisiert. Die Live-Clubs, die sich dort organisieren, vermeiden unnötige Konkurrenz. Sie planen ihre Veranstaltungen nach Möglichkeit so, dass sich die Zielgruppe nicht zwischen zwei Events am selben Abend entscheiden muss. Außerdem versuchen die Live-Clubs sich auch materiell gegenseitig zu helfen, etwa durch den Verleih von Equipment, Hilfestellungen bei Events oder die Vermittlung von Personal. Auch Social Media als Promo-Plattform geht gebündelt besser. Die vernetzten Live-Clubs können gemeinsam effizienter Kampagnen steuern und budgetieren.

Es ist Zeit für Veränderung und Kooperation – dann überleben auch „unsere“ Clubs

Live-Clubs werden nicht vollkommen verschwinden, so lange sie bereit sind sich zu verändern. Das MTS in Oldenburg macht es vor: Ein Plattenladen mit Verkaufsbereich für verschiedene Tonträger, kleiner, aber professioneller Bühne, Ausschank und großer Carrerabahn – eine Multi-Nutzung, die Erfolg bringt. Hier zeigt sich, dass ein Live-Club überleben kann, wenn er sich nicht nur auf das Nachtgeschäft verlässt und das Geschäftsmodell öffnet. Soziale Medien bieten auch günstige Möglichkeiten für Promo, Reichweite, Mitbestimmung und – vor allem – Vernetzung. 

Netzwerke wie der Clubverstärker und die Clubkommission greifen auch politisch-rechtliche Brennpunkte auf. Die Clubcommission in Berlin vertritt zum Beispiel 240 kulturschaffende Mitglieder der freien Szene und der Clubszene gegenüber Bezirksverwaltungen, Vollzugsbehörden und der GEMA.

Die Clubcommission will erreichen, dass der Bestandsschutz auf Live-Clubs ausgeweitet wird und diese als kulturelle Einrichtungen angesehen werden – und so aus der Vergnügungsstättenverordnung fallen.

Ein ausgeweiteter Bestandsschutz würde (vereinfacht gesagt) bewirken, dass für Live-Clubs bestehende Rechtsverhältnisse gültig bleiben – auch wenn zum Beispiel die Gesetze zum Lärmschutz generell verschärft würden.

Aktuell fallen Live-Clubs, ähnlich wie Erotik-Kinos und Spielhallen, noch unter die Vergnügungsstättenverordnung. Das schließt Clubs von den meisten Fördermitteln aus. Deutlich mehr Rechte und Fördermöglichkeiten hat nämlich ein Gewerbe, das von den Behörden als „kulturelle Einrichtung“ klassifiziert wird – wie etwa Konzertsäle.

Zusammenfassend sagen wir: Kreative Konzepte, mehr Kooperation und eine bessere, konstruktive Zusammenarbeit mit Behörden - mehr braucht es vielleicht gar nicht, um unsere Lieblingsclubs wieder fit zu machen. 

Wie das aussehen könnte, haben wir auf auf der UpStage!-Konferenz des Clubverstärker e.V. in Bremen angeschaut. Neugierig? Hier ist unser Artikel über die Rettung der Clubs „von oben“und über den Club der Zukunft.

Fotos © Christoph Eisenmenger; Rednight; Kesh; Sebastian Dracu